Schlagwort: Amoklauf

Sascha Lobos berechtigte Frage

Eigentlich muß man Sascha Lobo nicht rebloggen oder retwittern, denn es dürfte nur recht wenige in der deutschen Lobo Blogo- und Twittersphäre geben, die den freundlichen roten Irokesenschnitt mit dem Schnauzer nicht kennen und lieben lesen. Gestern hat er aber unter dem Titel „Erlaubtheiten“ eine berechtigte Frage gestellt, die mir glatt einen Fullquote wert ist:

Nur noch mal für mich zur Vergewisserung: Ich dürfte also mit 14 Jahren anfangen, großkalibrige Waffen zu benutzen und dann als 21jähriger Sportschütze mit einem Kofferraum voller halbautomatischer Waffen und 0,4 Promille auf der Autobahn mit 320 km/h vom Schützenfest zum CSU-Parteitag fahren – aber Computerspiele sollen verboten werden?

Um es mal am Rande zu bemerken: ich finde “Killerspiele” grauenvoll und Eltern, die sowas ihre minderjährigen Kinder spielen lassen, verantwortungslos. Aber ich glaube, dass sie nicht verboten werden sollten.

Word. Wo immer eine Lobby existiert, wird nichts passieren, das sieht man ja schon an dem Verbot des „Intel Friday Night Game“ („Diese Veranstaltung können wir derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren“), während die Internationale Waffenbörse („Unsere Börse hat mit Winnenden nichts zu tun“) die Gerichte beschäftigt.

Lieber Franz Josef Wagner,

ihr heutiger Brief an die Eltern von Tim (dem Amokschützen von Winnenden) ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten, aber sie werden es in einem ihrer nächsten Briefe sicher trotzdem schaffen.

Sie erkennen zwar ganz richtig, dass die Eltern große Schuld auf sich geladen haben, allerdings nicht ganz so, wie sie es aufgeschrieben haben. Sie lasten den Eltern an, nicht erkannt zu haben, dass sie ihr „ertrinkendes Kind nicht über Wasser und an der Luft gehalten“ haben, „bis sein Atem wieder ruhig wird“. Nun, wenn die Eltern die Situation nicht erkannt haben, warum befand sich Tim K. dann in psychatrischer Behandlung? Es muß den Eltern also durchaus bewußt gewesen sein, dass ihr Sohn Probleme hatte. Unglaublich, dass sie auf die Ferne binnen weniger Stunden so detailierte Schlüsse über das Familienleben der K.’s ziehen können.

Die Schuld der Eltern liegt im Waffenarsenal des Vaters, es ist schon schlimm genug, wenn man überhaupt 16 Schußwaffen und gleich mehrere Tausend Schuß Munition im Haus hat und diese gemäß Waffenrecht lagert. Wer allerdings ein Kriegswaffe – und nichts anderes ist eine 9mm Beretta-Pistole – nebst 100 Schuß Munition unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt, der handelt fahrlässig und sollte sich auch entsprechend verantworten müssen.

Davon ist in ihrem Brief aber keine Rede, warum nicht? Wollen sie die konservativen Sportschützen nicht aus ihrer Leserschaft vergraulen? Aber so viel Kalkül traue ich ihnen eigentlich nicht zu.

Auf jeden Fall haben sie es einmal mehr geschafft, den widerwärtigsten Text im gesamten Internet zu verfassen. Da kommen die vielen Blogger und Twitterer nicht mit.

♥-lichst

Ihr M. Schmidt

Hexenverbrennung 2.0

Gestern hat sich eine unfassbare Tragödie ereignet: Der Amoklauf von Winnenden.

Der Journalist Nils Minkmar hat einen lesenswerten Artikel in Stefan Niggemeyers Blog verfaßt, Tag der Trauer:

[…] Der auch bei mir so brennende Wunsch nach einer präzisen politischen Äußerung, nach weiteren Details, nach Hinweisen zum Elternhaus, zum Freundeskreis, kommt mir immer vor wie ein sublimierter Hütehundimpuls: Man will das ausreißende Geschehen irgendwie rational oder moralisch einholen. Die Tat soll eine Botschaft, eine Lehre enthalten. Sie muss Gründe gehabt haben, jemand muss rote Ampeln überfahren haben — und wenn wir gedanklich an diese Weggabelung zurückkehren, dann ist es, als hätten wir es halb verhindert. Als könnte die Welt repariert werden.

In Wahrheit geht das nicht. Man kann nicht jedem seltsamen Teenager mit dem Amokpräventionskatalog begegnen. Man kann nicht jeden Ballerspieler und Soziopathen unter Beobachtung halten. Und mit welchem Recht? Die meisten sind völlig harmlose Zeitgenossen.

Amok ist ein sadistisches Verbrechen: Der Schütze maßt sich absolute Macht an, demütigt seine Opfer und indirekt seine Eltern. Sadisten kann man mit Regeln, Kontrollen und Gesetzen nicht fassen, sie freuen sich an ihrer Fähigkeit, in Systemen zu funktionieren und sie gleichzeitig auszutricksen. […]

Jemand muß Schuld sein. Es kann nicht angehen, dass „ein ganz normaler Teenager“ einfach mal so an einem Mittwoch vormittag in seine alte Schule geht und dort und im weiteren Verlauf seiner Flucht 15 Menschen tötet. Es wird wieder darauf hinauslaufen, dass zwei Wochen lang über das Internet diskutiert wird, das „solchen Täter“ eine Plattform oder zumindest Anregungen bietet (was im Fall Tim K. aber wohl keine Rolle gespielt hat), über Killerspiele, in denen „solche Täter“ schonmal üben können, wie es ist, wenn man einen anderen Menschen kaltblütig erschießt und über Gewaltvideo, die „solchen Tätern“ als Vorlage dienen können. Nur das Waffenrecht wird nur kurz diskutiert, denn dafür haben wir schließlich eine Lobby und außerdem hat der Vater des Täters gegen das geltende Waffengesetz verstoßen, als er seine Pistole, die spätere Tatwaffe, mit 100 Schuß Munition unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrte.

Im Mittelalter hätte man wohl behauptet, der Junge wäre von Dämonen besessen gewesen, hätte sich eine ältere Dame im Umfeld gesucht, die ihn verflucht haben könnte und diese kurzerhand als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hexenverbrennungen sind nun schon länger aus der Mode und eine Renaissance ist nicht in Sicht. Daher stürzt man sich gern auf die diabolischen Werkzeuge der Neuzeit, weil wir nicht fassen können, dass jemand von uns eine solch schreckliche Tat verüben konnte, dass vielleicht jeder von uns unter bestimmten Voraussetzungen dazu in der Lage wäre. Das ist ein Gedanke, der wirklich schwer zu ertragen ist.