Der Atomlügner

AKW Krümmel bei Nacht
Creative Commons License photo credit: BÃœNDNIS 90/DIE GRÃœNEN

Wenn es so offensichtliche Zusammenhänge gibt wie den zwischen gehäuft auftretenden Leukämiefällen bei Kinder und in deren Nähe betriebenen Kernkraftwerken, dann ist es schwer, Studien zu glauben, die dieses widerlegen oder herunterspielen.

Der NDR ist nun vermutlich einem Experten auf die Schliche gekommen, der dem Krümmel-Betreiber Vattenfall ein Gefälligkeitsgutachten erstellt hat. Dr. Peter Kaatsch, der Leiter des deutschen Kinderkrebsregisters, wurde für die Dokumentation „45 Min – Die Atom-Lüge“ gefragt, wo denn die gehäuften Leukämieerkrankungen zu finden sind, die nichts mit Atomkraft zu tun haben? Er erwähnte eine Häufung von Kinderleukämie in Sittensen, die nicht in einen Zusammenhang mit einem Kernkraftwerk gebracht werden kann. Die Reporterin konfrontierte ihn daraufhin mit ihren Recherchen, dass die Fälle in Sittensen durch eine Röntgenpraxis, also auch durch Strahlung, hervorgerufen worden seien. Dr. Kaatsch konnt auf weitere Nachfrage keine konkreten Orte nennen, an denen erhöhte Leukämiefälle ohne Atomkraftwerke aufgetreten sind und verließ schließlich sichtlich nervös den Raum in dem das Interview stattfand. Fazit der Reporterin: „Nur im Umfeld von Atomkraftwerken sind Leukämieraten bei Kleinkindern erhöht, nirgendwo sonst.“ (dort zu sehen von Minute 9:21 bis 10:54).

Außerdem stellte Dr. Kaatsch in seiner Studie fest, dass es in dem ausgewerteten Zeitraum 1980 bis 2003 im Umkreis von 5 km um Atomkraftwerke 29 Kinderleukämiefälle gab. Erweitert man den Radius auf 50 km, so kommt man auf 275 Fälle. Er verschweigt also zum Wohle der Atomindustrie fast 250 erkrankte und wohlmöglich schon verstorbene Kinder.

Auch der Rest der Reportage ist sehenswert, ich habe mir aber diese Episode herausgepickt, weil ich das Verhalten des ertappten Herrn Dr. Kaatsch einfach unglaublich finde.

Die Piratenpartei Schleswig-Holstein hat sich übrigens bereits im letzten Jahr für die Abschaltung des KKW Krümmel sowie den generellen Lizenzentzug des Betreibers Vattenfall für den Betrieb von Kernkraftwerken ausgesprochen.

(Via Spreeblick)

  • Steffen

    Klar ist, das nichts klar ist. Der Fairniss halber die Schlußfolgerung aus der aktuellen Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (http://www.bfs.de/de/bfs/druck/Ufoplan/4334_KIKK.html) Schlussfolgerung Unsere Studie hat bestätigt, dass in Deutschland ein Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk zum Zeitpunkt der Diagnose und dem Risiko, vor dem 5. Geburtstag an Krebs (bzw. Leukämie) zu erkranken, beobachtet wird. Diese Studie kann keine Aussage darüber machen, durch welche biologischen Risikofaktoren diese Beziehung zu erklären ist. Die Exposition gegenüber ionisierender Strahlung wurde weder gemessen noch modelliert. Obwohl frühere Ergebnisse mit der aktuellen Studie reproduziert werden konnten, kann aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und -epidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden. Ob Confounder, Selektion oder Zufall bei dem beobachteten Abstandstrend eine Rolle spielen, kann mit dieser Studie nicht abschließend geklärt werden.

  • Kenny

    Die Piratenpartei Schleswig-Holstein hat sich dagegen ausgesprochen? Eigentlich sollte soetwas doch eher Thema das Bundes sein, wurde das auch mit der AG Energie abgesprochen, die das eigentlich eher differenzierter sieht?

  • Micha

    Hallo Kenny, der Beschluß der PP SH wurde in Vorbereitung auf die Landtagswahl in SH gefaßt, da es im Wahlkampf ein großes Thema war. Auslöser waren die wiederholten Störfälle in den schleswig-holsteinischen Reaktoren.

  • Stefan

    Reporter sagen viel (dummes Zeug). Statistische Phänomene können der "erhöhten" Leukämierate zugrundeliegen, bzw. kann das ganze auch andere Ursachen als das AKW haben.

  • Eigenfrequenz

    "Die Piratenpartei Schleswig-Holstein hat sich übrigens bereits im letzten Jahr für die Abschaltung des KKW Krümmel sowie den generellen Lizenzentzug des Betreibers Vattenfall für den Betrieb von Kernkraftwerken ausgesprochen." Kurze Frage: Welche Lizenz? Meint ihr die BetriebsGENEHMIGUNG? Eine korrekt verwendete Terminologie ist eine gute Grundlage wenn man argumentativ ernstgenommen werden möchte.

  • Eigenfrequenz

    "Auslöser waren die wiederholten Störfälle in den schleswig-holsteinischen Reaktoren." Nur fürs Protokoll: Ein Trafo gehört nicht zum Reaktor. Der steht normal sogar außerhalb des ReaktorGEBÄUDES.

  • Micha

    @Eigenfrequenz: Du weißt ja, was gemeint ist. Halbwissen oder nicht: Atomkraft nein danke!

  • Eigenfrequenz

    @Micha: Ich übersetze mal. "Ich habe zwar keine AHnung, wovon ich rede aber ich find's scheisse."

  • Micha

    @Eigenfrequenz: Ich muß kein Experte sein, um Kernkraft abzulehnen. Kernkraft ist nicht gut, außer für die Betreiber. Das sage ich mit meinem gesunden Menschenverstand. Der Betrieb der Kraftwerke macht Kinder krank und die Lagerung des Mülles ist ja nun auch nicht unproblematisch. Was sagst du denn zum Experten Kaatsch? Der hat doch für die Atom-Industrie kackfrech gelogen oder etwa nicht?

  • Falk D.

    Ich hatte ja auf einen Herrn von Schnitzler im Abspann der Atomlüge gewartet. Die relative Fallzahl des Leukämie-Cluster Elbmarsch mit dem Höhepunkt 1 Jahr nach der [von der SPD-Regierung geleugneten] Explosion bei der GKSS und dem Auftreten von PAC/Transuran-Kügelchen fällt seit 1993 obwohl die Radon- und Gamma-Belastung in der östlichen Elbmarsch seither erheblich höher liegt. Die EUROCLUS-Studie, deren Ergebnis in der .de-Wikipedia fahrlässig verkürzt wiedergegeben wurde, konnte den überstatistischen Einfluss der KKWe auf Leukämie komplett negieren: Leukämie korreliert erheblich besser mit der Inzuchtquote und der Impfrate. Es ist die Studie mit der größten Datenbasis und sie wurde komplett ausgeblendet bzw. wider besseres Wissen Leukämie auf KKWe bezogen. Mich haben vor allem die Kindergärtnerinnen-Befragungen aufgeregt. Die wären auch bei der Frage, was tun ist, wenn ihr Bus einen Platten hat, überfordert gewesen. Und zuguterletzt: warum wurde die Strahlungs-Fachgruppe im THW nicht zu den Notfall-Plänen befragt? Die haben diese vorliegen und setzen die im Fall grau auch um. Die Behauptung es gäbe keine, ist doch sehr steil. Atomlüge kann sich schnell gegen die anderen richten, wenn man so wichtige Dinge wie den Wasserdampfkoeffizienten (der einen RBMK-Reaktor wie Greifswald oder Tchernobyl zur Gefahr macht) ausblendet. Eine exponentielle Kettenreaktion mit Wasserstoffexplosion ist hier nicht möglich, da die Reaktoren hierzulande bei Abwesenheit von Wasser zwar wohl defekt und nur noch durch Bleifüllung hantierbar sind, aber eine geringere Energiemenge abgeben, die vom Behälter dauerhaft verkraftet werden kann. Es ist nicht alles schön, was strahlt, aber so häßlich ist es auch nicht. Zum Thema Piraten-SH und Umweltpolitik sage ich mal soviel: der entsprechende Landesparteitag war der Grundstock meines Austritts. Den damaligen Proponenten Halbwissen zu unterstellen wäre schon ein halbes Wissen zu viel. Das war Panikmache und Angst, FUD, pur, mit dem sich der stellv. Vorsitzende da profilierte.

  • Joe

    Klar ist jedenfalls, dass die Studie faktisch eine signifikante, aber nicht erklärbare Häufung von Kinderleukämie bei allen deutschen Kernkraftwerken ergeben hat, deren Ursache bislang (innerhalb der Studie) unbekannt ist. Dort wird auch eingeräumt, dass es zwar keine unmittelbare Erkenntnis gibt, dass Strahlungsquellen, die direkt und indirekt aus dem Kernkraftwerk stammen, als Ursache dafür anzusehen sind, gleichzeitig kann dieses aber nicht ausgeschlossen werden. Mit anderen Worten: Man hat also schlichtweg zur Zeit (noch) nicht die Ursache mit wissenschaftlichen Belegen ermittelt. Öffentlich Nachzulesen auf der offiziellen Seite des Bundesamtes für Strahlenschutz http://www.bfs.de/de/kerntechnik/kinderkrebs/kikk.html "Aus der Studie selbst ergibt sich ein signifikant erhöhtes Krebs- und Leukämierisiko für unter 5-jährige Kinder, je näher sie am Kernkraftwerk wohnen. Nach heutigem strahlenbiologischen Wissen kann die in der Studie ermittelte Risikoerhöhung durch die Emissionen aus den Kernkraftwerken nicht erklärt werden. Die für eine Erklärung erforderliche, zusätzliche Strahlenexposition der Bevölkerung müsste etwa 1000 bis 10.000mal höher sein als beobachtet. Daraus kann aber in der Umkehr nicht der Schluss gezogen werden, dass Strahlung als Ursache grundsätzlich ausgeschlossen werden kann. Es gibt derzeit keine plausible Erklärung für den festgestellten Effekt, der über die 24 Jahre Untersuchungszeitraum ein insgesamt konsistentes Bild mit kleinen Schwankungen zeigt."

  • JanG

    Zitat der Reporterin (und so gesehen auch das Ihrige): "Nur im Umfeld von Atomkraftwerken sind Leukämieraten bei Kleinkindern erhöht, nirgendwo sonst." Zitat aus diesem sehr lesenswerten Text des deutschen Äzteblattes: "Zeitlich und örtlich begrenzte Häufungen von Leukämien – im Wesentlichen die ALL des Kindesalters – werden als Leukämiecluster bezeichnet. Von 240 Leukämieclustern, die im Rahmen der Euroclus-Studie in 17 Ländern erfasst wurden und die insgesamt 13.551 kindliche Leukämiefälle umfassten, befanden sich nur vier im Umfeld von Kernkraftwerken" Link: http://www.aerzteblatt.de/archiv/65441 Reporter sind leider auch nicht mehr das, was sie mal waren ...

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