Monat: März 2009

Lieber Franz Josef Wagner,

ihr heutiger Brief an die Eltern von Tim (dem Amokschützen von Winnenden) ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten, aber sie werden es in einem ihrer nächsten Briefe sicher trotzdem schaffen.

Sie erkennen zwar ganz richtig, dass die Eltern große Schuld auf sich geladen haben, allerdings nicht ganz so, wie sie es aufgeschrieben haben. Sie lasten den Eltern an, nicht erkannt zu haben, dass sie ihr „ertrinkendes Kind nicht über Wasser und an der Luft gehalten“ haben, „bis sein Atem wieder ruhig wird“. Nun, wenn die Eltern die Situation nicht erkannt haben, warum befand sich Tim K. dann in psychatrischer Behandlung? Es muß den Eltern also durchaus bewußt gewesen sein, dass ihr Sohn Probleme hatte. Unglaublich, dass sie auf die Ferne binnen weniger Stunden so detailierte Schlüsse über das Familienleben der K.’s ziehen können.

Die Schuld der Eltern liegt im Waffenarsenal des Vaters, es ist schon schlimm genug, wenn man überhaupt 16 Schußwaffen und gleich mehrere Tausend Schuß Munition im Haus hat und diese gemäß Waffenrecht lagert. Wer allerdings ein Kriegswaffe – und nichts anderes ist eine 9mm Beretta-Pistole – nebst 100 Schuß Munition unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt, der handelt fahrlässig und sollte sich auch entsprechend verantworten müssen.

Davon ist in ihrem Brief aber keine Rede, warum nicht? Wollen sie die konservativen Sportschützen nicht aus ihrer Leserschaft vergraulen? Aber so viel Kalkül traue ich ihnen eigentlich nicht zu.

Auf jeden Fall haben sie es einmal mehr geschafft, den widerwärtigsten Text im gesamten Internet zu verfassen. Da kommen die vielen Blogger und Twitterer nicht mit.

♥-lichst

Ihr M. Schmidt

Radio got black

radio.gotblack.com

Zufällig bei einer Twittersuche nach Bauhaus bin ich auf ein weiteres „dunkles“ Webradio gestoßen: GotBlack.com. Außer Bauhaus stehen auch Bands wie The Birthday Massacre, Nine Inch Nails, The Cure, Apoptygma Berzerk und Blutengel auf dem Programm.

Die Playlist wird nicht nur getwittert, es können auf diesem Weg auch Musikwünsche geäußert werden:

Tweet @gbradio [artist] :: [song title] to request a track.

Das werde ich doch heute abend mal ausprobieren.

Hexenverbrennung 2.0

Gestern hat sich eine unfassbare Tragödie ereignet: Der Amoklauf von Winnenden.

Der Journalist Nils Minkmar hat einen lesenswerten Artikel in Stefan Niggemeyers Blog verfaßt, Tag der Trauer:

[…] Der auch bei mir so brennende Wunsch nach einer präzisen politischen Äußerung, nach weiteren Details, nach Hinweisen zum Elternhaus, zum Freundeskreis, kommt mir immer vor wie ein sublimierter Hütehundimpuls: Man will das ausreißende Geschehen irgendwie rational oder moralisch einholen. Die Tat soll eine Botschaft, eine Lehre enthalten. Sie muss Gründe gehabt haben, jemand muss rote Ampeln überfahren haben — und wenn wir gedanklich an diese Weggabelung zurückkehren, dann ist es, als hätten wir es halb verhindert. Als könnte die Welt repariert werden.

In Wahrheit geht das nicht. Man kann nicht jedem seltsamen Teenager mit dem Amokpräventionskatalog begegnen. Man kann nicht jeden Ballerspieler und Soziopathen unter Beobachtung halten. Und mit welchem Recht? Die meisten sind völlig harmlose Zeitgenossen.

Amok ist ein sadistisches Verbrechen: Der Schütze maßt sich absolute Macht an, demütigt seine Opfer und indirekt seine Eltern. Sadisten kann man mit Regeln, Kontrollen und Gesetzen nicht fassen, sie freuen sich an ihrer Fähigkeit, in Systemen zu funktionieren und sie gleichzeitig auszutricksen. […]

Jemand muß Schuld sein. Es kann nicht angehen, dass „ein ganz normaler Teenager“ einfach mal so an einem Mittwoch vormittag in seine alte Schule geht und dort und im weiteren Verlauf seiner Flucht 15 Menschen tötet. Es wird wieder darauf hinauslaufen, dass zwei Wochen lang über das Internet diskutiert wird, das „solchen Täter“ eine Plattform oder zumindest Anregungen bietet (was im Fall Tim K. aber wohl keine Rolle gespielt hat), über Killerspiele, in denen „solche Täter“ schonmal üben können, wie es ist, wenn man einen anderen Menschen kaltblütig erschießt und über Gewaltvideo, die „solchen Tätern“ als Vorlage dienen können. Nur das Waffenrecht wird nur kurz diskutiert, denn dafür haben wir schließlich eine Lobby und außerdem hat der Vater des Täters gegen das geltende Waffengesetz verstoßen, als er seine Pistole, die spätere Tatwaffe, mit 100 Schuß Munition unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrte.

Im Mittelalter hätte man wohl behauptet, der Junge wäre von Dämonen besessen gewesen, hätte sich eine ältere Dame im Umfeld gesucht, die ihn verflucht haben könnte und diese kurzerhand als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hexenverbrennungen sind nun schon länger aus der Mode und eine Renaissance ist nicht in Sicht. Daher stürzt man sich gern auf die diabolischen Werkzeuge der Neuzeit, weil wir nicht fassen können, dass jemand von uns eine solch schreckliche Tat verüben konnte, dass vielleicht jeder von uns unter bestimmten Voraussetzungen dazu in der Lage wäre. Das ist ein Gedanke, der wirklich schwer zu ertragen ist.

unterwegs twittern: slandr vs. dabr

Rowi hat am vergangenen Wochenende ein Übersicht über 5 verschiedene Webinterfaces des beliebten Microblogging-Dienstes Twitter gebracht. In seinem Test landeten folgende Seite ganz vorn:

Die durchdachte Oberfläche (ich benutze ein Touchscreen-Gerät) und der Restzeichenzähler machen dabr für mich zum Sieger.
Platz 2 geht an slandr, die Oberfläche ist einfach gut und lässt bis auf den Restzeichenzähler keine Wünsche offen.

Da slandr bisher meine Wahl war und ich dabr seit Rowis Beitrag getestet habe, möchte ich auch noch meinen Senf dazu geben.

Beide Lösungen sind sich sehr ähnlich und sorgen für den richtigen Twitter-Spaß von unterwegs. Die Unterschiede liegen im Detail, bei slandr fehlt mir zum Beispiel bei @replies ein Link zum Tweet, auf den sich bezogen wird. Diesen Link gibt es bei dabr, dort gibt es aber keine Möglichkeit, Bilder direkt zu veröffentlichen. Das wiederum geht mit slandr, wo mir mit TwitPic und Mobypicture sogar zwei Dienste zur Verfügung stehen, die mein Foto hosten und einen Tweet damit generieren.

Das ideale Webinterface zum mobilen twittern wäre also dabr mit TwitPic-Integration. Da ich diese sehr wichtig finde nutze ich weiterhin hauptsächlich slandr, auch wenn ich dort auf die Restzeichenanzeige und den Link bei @replies verzichten muß.

Mal sehen, wer schneller aufrüstet. 😉

Update: Nur wenige Stunden nach meinem Blogeintrag hat der Entwickler von dabr, David Carrington bereits die TwitPic-Integration umgesetzt und ich durfte sie als erster ausprobieren. Great work, David!

Übrigens ist David tatsächlich über diesen Blogeintrag zu der Umsetzung gekommen. „If something is worth blogging about then it’s worth some of my time“.